Déjà-vu

Folgen Sie mir, in ein Land, in dem die Schlüssel immer da liegen, wo Ihr sie auch abgelegt habt: die Vergangenheit.

Genau gesagt in das Jahr 2011. In diesem Jahr kam es zu einem folgeschweren Tsunami in Japan. Daraufhin kam es im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu mehreren Vorfällen. Man konnte die Explosionen um die Reaktoren im deutschen Fernsehen sehen, während in Tokyo nach wie vor Menschen keine Ahnung hatten, dass ein paar Kilometer weiter gerade womöglich die Apokalypse in Gang gesetzt wurde.

Ich habe derzeit noch mit einer japanischen Freundin über Facebook geschrieben und (was ich sonst vermeide) mal heftig die Alarmglocke geschlagen. Am Ende hat sie mit ihrer Familie Japan vorübergehend verlassen und freut sich noch heute, dass ich ihr kurz gesteckt habe, was vor sich geht.

Nein, es geht jetzt nicht darum, dass eine der technisch entwickeltsten Nationen der Welt es nicht auf die Kette bekommen hat, ihre Bevölkerung rechtzeitig zu informieren.

Es geht mir darum, was danach hierzulande passiert ist. Ausgangssituation hier: Die Photovoltaikwirtschaft blüht auf. Firmen können die Anlagen an Endkunden vertreiben, da denen eine Einspeisevergütung über Jahre hinweg garantiert wird. Ich habe zu der Zeit selbst gerade bei einer Firma für Photovoltaikanlagen gearbeitet.

Nach dem Vorfall in Fukushima sprangen die Weltverbesserer (berechtigt) im Sechseck. Von der Energiewende wurde gesprochen. Die Einspeisevergütung war vielversprechend, die Photovoltaikindustrie wuchs. Goldene Zeiten, Arbeitsplätze, Kunden erzeugen eigenen Strom und erhalten Geld für den Überschuss, den sie anderen zur Verfügung stellen, eine Win-Win Situation.

Doch dann, HARD STOP!

Die Einspeisevergütung wurde weiter heruntergesetzt, die Anlagen wurden unattraktiv für Endkunden. Die Firma, in der ich derzeit Beschäftigung fand, musste Insolvenz anmelden, ein Hersteller nach dem nächsten ging in Insolvenz und die Weltverbesserer waren wohl schon wieder an einer anderen Baustelle, denn davon haben die Dudes scheinbar wenig mitbekommen.

Denn nun, ein paar Jahre später, rufen sie nach Änderungen, die sie bereits hatten, aber mehr als „Slogans durch Twitter jagen“ und „Demos veranstalten“ ist da scheinbar nicht drin, wenn man einen Erfolg bejubelt, sich herum dreht und sich in den Rücken schießen lässt.

Nun geht das besser, man schreibt einfach gar nichts Konkretes auf seine Schilder, dann gibt es auch nichts, was man verkacken könnte. NICE!

Ich verstehe die Demos derzeit nur wenig. Menschen fordern und fordern und fordern irgendwas. Wir tun einfach so, als hätte es das oben nie gegeben und suchen uns einfach einen neuen Aufmacher.

Klar, ich rege mich trotzdem drüber auf, obwohl sich in meinem Kopf die Stimmen mehren, die mich an 2011 erinnern und wie „erfolgreich“ diejenigen waren, die Dinge fordern, die auf einem Schild gut aussehen, aber im Endeffekt wahrscheinlich auch nicht mehr darstellen sollen als plakative Sprüche.

Das rückt einen in ein gutes Licht, man erscheint engagiert und caring, und ob da was draus wird, wen juckt das schon? Man kann mit dem Finger auf „Autofahrer“ (Mutter, Vater, Handwerker, der LKW, der die Sojamilch bringt, Irre aus Asgard, also alle!) zeigen und hat was, womit man auf Twitter anständig auf die Pauke hauen kann. Das macht sicher immensen Eindruck auf Leute, die auch was für eine bessere Welt tun wollen, jedoch nicht so fit darin sind Luftpumpen zu erkennen.

Da ich einer der bösen Autofahrer bin UND einer, der seinen Job verlor, weil das Land noch nicht bereit für Energiewende war – lasst mich Euch besorgten Bürgern kurz helfen, wie eine Energiewende aussehen könnte.

Nehmen wir an, wir erzeugen den ganzen Strom des Landes durch erneuerbare Energien wie Photovoltaik, Windkraft- und Gezeitenkraftwerken. Dann wird der Strom nicht linear erzeugt werden. Weil nicht ständig Sonne (oder Tag) ist, weil es mal mehr oder weniger windig ist und weil Gezeiten an sich eine ziemlich flatterhafte Geschichte sind.

Was macht man also, wenn man Strom erzeugt hat, doch den grad nicht gebrauchen kann? Akkus aufladen? Wäre ne Idee – doch wo findet man so große Akkus? Die Frage wird gerade woanders geklärt – in der Fahrzeugindustrie.

WAAAAS? JAP! Weil die Elektroautos bisher nicht die größte Reichweite haben, sollen die Möglichkeiten den Kraftstoff aus der Steckdose zu speichern natürlich größer werden.

Was aber, wenn eine ganze Stadt überschüssigen Strom speichern will? Dann braucht man ein Pumpspeicherwerk. Das funktioniert so: Wenn Strom da ist, pumpt man damit Wasser einen Berg hoch in ein Auffangbecken. Sobald man den Strom wieder braucht, öffnet man den Hahn und lässt das Wasser durch ein Kraftwerk wieder nach unten laufen, so erzeugt man wieder Strom.

Das alles braucht Infrastruktur, die Werke müssen errichtet, die Software zur Steuerung geschrieben und wir müssen die restlichen Stromerzeuger abschaffen. Wir müssen Arbeiter umschulen, wir müssen Energiekonzerne dazu bringen grün zu werden und wir müssen Ottomotoren aus- und Elektromotoren einbauen oder unsere Garage zu einem Stall umfunktionieren.

Meine Frage ist, wenn die ganzen Klimaspezis derzeit immer und immer wieder darauf hinweisen, dass es jetzt schon zu spät sein könnte – WAS HAT EUCH 2011 DENN ABGEHALTEN DIE ERFOLGE AUCH ABZUSICHERN?!

Ich versteh auch diesen militanten Ansatz nicht, dass alle vom Auto auf das Fahrrad umsteigen sollten. Erstens können Autos mittlerweile auch Strom und zweitens muss dieser Strom nicht aus dem Kohlekraftwerk kommen – WENN WIR 2011 UNSEREN JOB MAL ANSTÄNDIG GEMACHT HÄTTEN!!!!

Außerdem kennt Ihr noch die Geschichten aus dem Wilden Westen? Wenn Banditen auf Fahrrädern das Postfahrrad überfallen haben? Nein?! Natürlich nicht, weil unsere Fahrräder vorher Pferde waren.

Anyway!

Ich hoffe, dass nun manche verstehen, dass ich allergisch darauf reagiere, wenn Menschen mit ihren „Ideen“ um sich werfen. Denn ich bin einer der Typen, die schon aus einem zukunftswirksamen Arbeitsplatz geflogen sind und es nun mehr als lächerlich finden, wenn 8 Jahre später wieder Menschen da anfangen, wo sie bereits waren. Nur, dass sie jetzt auf die kleinsten Änderungen am System einschlagen, als würde uns das allein wirklich helfen.

Und selbst die lassen sie sich wieder nehmen, sobald sie mit der Feierei des „Erfolgs“ fertig sind und sich wieder um irgendwas anderes „kümmern“.

Ja, wahrscheinlich mache ich mich damit auch wieder nicht beliebt. Aber ich persönlich freue mich als angeblicher „Klimagegner“ mehr Inhalt in diesen Post dazu gepackt zu haben, als mir alle Greta und #FridaysForFuture Tweets der letzten Wochen mitgegeben haben.

Denn wenn ich Politiker wäre und mich an 2011 erinnern könnte – würde ich mir auch einen Spaß draus machen und das alles wenig ernst nehmen.

Doch ich rege mich auf, weil ich mich erinnern kann und es verwunderlich finde, dass man in einem Jahr Irre davon abhält Flüchtlingsheime anzuzünden und in diesem Jahr scheinbar Irre davon abgehalten werden müssen Autos anzuzünden. Man selbst steht dazwischen und versucht irgendwie den Kopf oben zu behalten.

Und ja, ich hätte durchaus mehr Möglichkeiten aufzählen können, wie wir unsere Klimabemühungen intensivieren und konkretisieren können. Doch – das ist nicht meine Baustelle und ich möchte noch ein paar Wochen Twitter verfolgen und darauf wetten, ab wann wirklich greifbare Maßnahmen gefordert werden, die über: „Aber ich will weiter Midgard haben, meh!“ hinaus gehen.

Normalerweise gibt’s zu Beginn Musik, diesmal zum Schluss.

Alles Gute Euch!